
| Kyudo: Zen-Bogenschiessen |
An einem milden Sommerabend sitzen Schüler und SchülerInnen auf roten Meditationskissen im Dojo (Übungsraum) und leeren ihren Geist, um sich für eine Lektion im japanischen Zen-Bogenschiessen vorzubereiten. Ein Gongschlag beendet die Meditation und sie schauen kniend auf die Lehrerin in weissem Hemd und einem adretten, schwarzen rockartigen «Hakama». Die Lehrerin spricht über die meditative Seite dieser Art des Bogenschiessens: «Wer den Pfeil mit leerem Herzen sogenannt 'Mushin' oder mit klarem Bewusstsein abschiesst, schiesst mit dem richtigen Herzen. Das ist Zen.»Die StudentInnen verneigen sich in der Ecke vor dem kleinen Altar zu Ehren aller vor ihnen gegangenen Lehrer, darauf verbeugen sie sich respektvoll voreinander. «Ha-ji-me-mas!» tönt das Echo ihres Schreis schallend durch die Übungshalle und verkündet damit: «Lasst uns beginnen». Einer nach dem anderen werden die über zwei Meter langen Bambusbögen entlang der Wand geholt. Nur zwei Meter entfernt von einem der «Makiwara» (Ziel) steht der Anfänger und durchläuft langsam die als «Shi Chi Do» bekannten Sieben Koordinationen. Die Lehrerin kommt näher und bietet ihre Unterstützung an. Der grosse Bogen lässt sich nur schwer handhaben, und beim Ziehen der Bogensehne verspannt sich der Schüler. «Noch kräftiger ziehen ... Kai (Hinauszögern) ... Hanare (Loslassen)!» trainiert die Lehrerin. Der Schüler entlässt mit einen Schrei den Pfeil, der in den Strohballen fliegt. Auf seinem Gesicht zeigt sich Erleichterung und zugleich ein befriedigendes Gefühl. |
KYUDO das übersetzt DER WEG DES BOGENS BEDEUTET, gehört zu Japans ältesten Traditionen meditativer Kampfkunst. Man arbeitet an der exakten Ausführung der Form und dabei kommt ein natürlicher Prozess in Gang, der dem/r Ausübenden die einzigartige Gelegenheit gibt, seinen/ihren Geist im Moment des abfliegenden Pfeils zu sehen. Dadurch unterscheidet sich Kyudo vom sportlichen Bogenschiessen mit dem Wettbewerb, das Ziel zu treffen. Kyudo ist eine langzeitmässig betriebene Disziplin mit dem Ziel, Körper und Geist in Übereinstimmung zu bringen, um sich letztlich mit dem eigenen Kriegerherzen zu verbinden.Die Erfahrung des Kyudo birgt für jeden Schüler und jede Schülerin eine einzigartige Bedeutung. Einige begegnen ihrer Angst vor Konfrontation, andere haben Schwierigkeiten loszulassen. Durch die völlige Konzentration auf den meditativen Vorgang des Pfeilabschiessens ist Kyudo für viele eine Möglichkeit den Geist zu beruhigen und dadurch Anspannung abzubauen. |
KANJURO SHIBATA, XX, SENSEI wurde 1921 im japanischen Kyoto geboren. Bereits mit acht Jahren wurde er von seinem Grossvater, dem 19. Kanjuro Shibata, in Kyudo und in der Bogenherstellung unterwiesen. Mit 19 Jahren bekam er die höchste Stufe der Lehrerlaubnis. Als 1959 sein Grossvater starb, wurde ihm offiziell der Titel des Kanjuro Shibata, XX verliehen. Vor etwa 125 Jahren wurde dem 18. Kanjuro Shibata das Amt des offiziellen Bogenmachers des japanischen Kaisers übertragen, und seitdem haben der 19. und 20. Halter der Shibata-Abstammung die Funktion als kaiserliche Bogenmacher weitergeführt.
TANYA SCHMID war Schülerin des Kanjuro Shibata, XX, Sensei seit 1991 und erhielt 1995 den Titel einer Lehrerin. 1996 wurde ihrem Dojo in Santa Fe der Titel Jinko verliehen sowie 2004 ihrem Dojo in St.Gallen der Titel Suiko. Beide gehören damit offiziell zur Shibata-Abstammung. |
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